Chicago

In den Hochhausschluchten der „windy city“

Todmüde sind wir gestern Abend nach der Landung in Chicago zu einem kurzen Erkundungsrundgang im Viertel rund um unser Hotel und einem – für amerikanische Verhältnisse leichten - Abendessen, bestehend aus Wraps, Chips und Softdrinks (später dann ein Bier im Zimmer, frisch aus dem Liquor-Shop, hihi!) ins Bett gefallen. Bett ist ja viel zu profan für dieses Riesending (Kingsize), indem man sich verlieren kann, und das neben einer Auswahl kuscheliger Kopfkissen über die perfekte Matratze verfügt: hart genug für den Rücken, aber dennoch so weich, dass es einen sanft wie auf Wolken ins Reich der Träume schaukelt. Ich sehe wieder mal bestätigt, dass dies eines der Dinge ist, die Amerikaner wirklich hervorragend beherrschen: perfekte Betten herzustellen.

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Dennoch wache ich um 2.09Uhr in der Nacht auf, - ja klar: bei uns zuhause wäre es längst Aufstehzeit …ich versuche es mit Atemtechnik, um wieder ins Reich der Träume zu gelangen….klappt!

Der Wind pfeift um die Hochhäuser und treibt schwere Regenwolken vom Lake Michigan her. In der Nacht muss es ordentlich geschüttet haben, die Straßen sind nass, und aus der schönen Sonnenaufgangssicht direkt von unserem Bett aus (zeigt genau Richtung Osten) wurde leider nichts. Dann hat auch noch der Coffeeshop, den wir gestern Abend in unserem Viertel entdeckt hatten, wegen Renovierung geschlossen. Der Himmel mag also trüb sein, unsere Laune ist es aber trotz fehlendem Frühstück nicht, denn schließlich gilt es Chicago zu entdecken, die „windy city“, die heute ihrem Beinamen alle Ehre macht. Also steigen wir zur U-Bahn runter und fahren mit der red line die wenigen Stationen bis „Grand“ um dort den heutigen Rundgang zu beginnen. Der führt direkt hinein in den Plattenladen Jazz Record Mart, den angeblich weltgrößten Musikladen für Jazz und Blues. Sicher ist, dass hier keine Kette dahintersteckt, die die unüberschaubare Menge von Tonträgern jeglicher Art, in der Mehrzahl aber „vinyls“, also Schallplatten, anbietet. Der große, zweckmäßig eingerichtete Raum verströmt den Charme einer Lagerhalle aus den 1960er Jahren und ist restlos ausgefüllt von Plattenständern bzw. –kisten die ein enges Gangsystem bilden. Die unverputzten Wände zieren alte Bandposter und Konzertplakate. Der Kassenbereich links vom Eingang ist ein kleiner Verhau, der ziemlich improvisiert wirkt. Der junge Farbige, der in dem Verschlag steht nimmt uns als erstes die Taschen ab und deponiert sie unter der Theke. Auf meine Frage nach bestimmten Platten führt er mich gleich in den richtigen Bereich des riesigen Ladens, in dem ich mich für die nächsten paar Stunden echt verlieren könnte, auch wenn ich bereits nach 10 Minuten schwarze Fingerkuppen vom Staub vergangener Jahrzehnte habe, der den Plattenhüllen anhaftet.

Unsere Taschen werden im Lauf des Tages immer schwerer, denn angesichts der eher unfreundlichen Wetterverhältnisse mit starkem Wind, wolkenverhangenem Himmel und hie und da ein paar Regentropfen haben wir wenig Lust auf ein Sightseeingprogramm wie Milleniumpark mit der „Bohne“, Ledge- Aussichtsturm und Bootsfahrt auf dem Chicago River. Vielmehr schlendern wir gemütlich die Einkaufsstraßen des „Loop“-Viertels entlang, wo Macys, T.J.Maxx, City-O, Nordstrom und weitere Kettenläden angesiedelt sind, und ich aus dem Staunen nicht mehr herauskomme, was z.B. Handtaschen kosten können, bzw. was Menschen offensichtlich bereit sind dafür zu bezahlen. Später fahren wir hinauf in den Bereich der Nord Michigan Ave, der „Magnificant Mile“, kurz MagMile genannt, wo weitere Konsumtempel wie „Water Tower Place“ und „900 Shops on N.Michigan Ave“ mit edlen Designerläden und Konzeptstores auf kaufwilliges Publikum hoffen. Es ist noch keine Hundert Jahre her, dass sich hier noch sumpfiges Brachland befand, Heute ragen die Wolkenkratzer in den Himmel, einige wenige, wie der John Hancock Tower sind für die Öffentlichkeit zugänglich. Dazwischen nimmt sich der älteste noch erhaltene Bau der Stadt, der aus weißem Kalkstein e rbaute und wie ein Märchenschlösschen wirkende Wasserturm winzig aus.

Den Abend beschließen wir im gemütlichen Hackney’s (www.hackneys.net), wo man zu deftiger Kost eine schöne Auswahl an Biersorten hat (allein 29 Sorten direkt vom Fass!).Außerdem ist es in Fußnähe zum Hotel, so dass wir anschließend direkt Richtung Bett kugeln können.

Nach einem vielversprechenden Sonnenaufgang hat der Wolkenvorhang leider wieder dicht gemacht und uns zu allem Überfluss neben starken, eiskalten Windböen Regen beschert. Eingepackt in mehrere Schichten Kleidung trotzen wir den Wetterverhältnissen und treten zu Fuß den Weg zum naturhistorischen Museum (www.fieldmuseum.org) an, das in Blickweite vom Hotel liegt, allerdings einen strammen Fußmarsch von gut 20 Minuten erfordert. Das klassizistische Gebäude beherbergt u.a. das größte weitgehend komplett erhaltene, versteinerte Gerippe eines Tyrannosaurus Rex, von den Chicagoern liebevoll „Sue“ genannt. Allein der Schädel dieses 13 Meter hohen Riesenviechs wiegt weit über 200kg, weshalb der in einer Extra-Vitrine ausgestellt ist (der Schädel auf dem Gerippe ist eine Kopie aus leichterem Material). Sues Auffinden im Jahr 1990 löste einen wahren Dino-Hype aus in dessen Folge Spielberg seine Jurassic-Park Filme drehte und der Spielzeugindustrie gigantische Umsätze bescherte (als Mutter weiß ich das noch sehr gut…)
Uns fasziniert neben der prähistorischen Sammlung die Dauerausstellung zur Geschichte der Ureinwohner Amerikas (alle Ethnien vom Polarkreis bis Feuerland sind einzeln dargestellt und anschaulich erklärt) und die Ägypten Abteilung. Schade, dass wir nur begrenzt Zeit haben, denn bereits um 14 Uhr müssen wir im Lakeview Viertel sein, wo im Briar Theater die BlueMan Group eine Vorstellung gibt. Die gut anderthalbstündig rausam kalt, dass ich mir in einem der zahlreichen Second-Hand-Läden eine Wollmütze kaufe, um die Ohren zu schützen. Den Taschenschirm hat es längst zerrissen, der Regen kommt ohnehin fast immer in klatschenden Schwällen von der Seite. Im Fernsehen bringen sie bereits erste Bilder vom Wintereinbruch irgendwo an der Grenze zu Kanada. Geht das etwa jetzt so weiter mit der unfreundlichen Witterung?