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Donautagebuch

09.04.

Der Empfang auf dem Flusskreuzfahrtschiff VistaExplorer in Passau ist herzlich und geht ebenso zügig wie professionell über die Bühne. Da ich die Kabinennummer schon weiß, kriege ich schnell meinen Schlüssel und kann mit Rosita, meiner persönlichen Kabinenstewardess (so jedenfalls hat sie sich mir in gebrochenem Deutsch,-bulgarisch ist ihre Muttersprache-, vorgestellt) zur Kabine Nr. 307 gehen.

1A Vista Explorer 15Pünktlich zum Ablegen des Schiffes kommt die Sonne raus und beleuchtet die Gebäude der historischen Altstadt von Passau. Alle Hobbyfotografen finden sich auf dem Sonnendeck ein und knipsen wild rum, die Raucher stehen daneben und geben ihren Senf dazu. Kaum sind die letzten Kirchturmspitzen aus dem Blickfeld entschwunden, fängt es an zu tröpfeln. Nicht nur für mich ein klares Signal, nach drinnen zu gehen und den Salon auf seine Behaglichkeit und damit Tauglichkeit als Aufenthaltsraum für die Zeit der Passage hin zu überprüfen. Kleine Sitzgruppen verteilen sich auf den großen, rundum verglasten Raum am Bug des Schiffes, mittendrin der Bartresen. Rechts vorne sitzt Alleinunterhalter und DJ Dirk aus den Niederlanden vor einem Keyboard. Der schwarze Flügel hingegen ist abgedeckt (ich hoffe doch, der kommt auch mal zum Einsatz!). Die Kellnerinnen und Kellner sausen geschäftig umher und bringen auch mir rasch den gewünschten Kaffee. Wenig später stellen sich Alex (Reiseleitung des Veranstalters) und Adile (Hotelmanagement) vor und geben neben einer Einführung ins Bordleben auch eine Übersicht über die möglichen Ausflüge, die man buchen kann. Danach habe ich gerade noch Zeit, in meine Kabine zu gehen, endlich den Koffer auszupacken, zu duschen und mich für’s Abendessen umzuziehen. Vorher allerdings geht es noch zum Kapitänsempfang in den Salon, wo alle wichtigen Personen der internationalen Crew vorgestellt werden. Ich wurde für die Dauer der Reise dem Tisch 4 im Restaurant „zugeteilt", das ist ein runder Vierertisch an der Fensterseite Steuerbord, an dem bei meinem Eintreffen bereits meine Tischgenossen sitzen: ein Ehepaar mittleren Alters aus dem Rheinland und ein älterer Herr aus dem Aschaffenburger Raum. Alle drei erwidern mein Lächeln eher sparsam, ein Gespräch will auch nicht so recht in Gang kommen. Ob sie einfach nur schüchtern sind? Egal, ich werde so oder so das Beste daraus machen und freue mich erst mal über den Genuss der Menüfolge:

1A Vista Explorer 43Reibeküchlein mit Tartar vom hausgebeizten Butterfisch an Kaviar-Dill Schmand
Weisses Tomatensüppchen mit Basilikumschaum
Sorbet von der schwarzen Johannisbeere mit Mango-Sektbowle
Heilbutt unter Senf-Knusperkruste auf cremigem Kartoffel-Gurkengemüse und Hummerbutter-Hollandaise
Kürbiskernparfait mit Vanille-Erdbeerragout und Schokoladensauce

Später genehmige ich mir im Salon noch einen Absacker, bevor ich in die wunderbar weichen Kissen meiner Koje sinke.

 

10.04.

Wien 7Ich habe wunderbar geschlafen! Das sachte Schaukeln beim Einfahren in die Schleusen (es sind immerhin 11 Stück bis Wien) hat dabei sicherlich eine positive Wirkung gehabt. Außerdem ist das hier eine echte Wohlfühlkabine: geräumig, modern und komfortabel mit zwei Klappbetten (wovon natürlich nur eines auf ist), Tisch, Polsterbank, Schränken, verspiegelter Garderobe, Flachbildfernseher und blitzsauberem Bad. Der Blick aus dem Fenster hingegen lässt nicht gerade Euphorie aufkommen, denn der Himmel ist schwer mit dicken Regenwolken verhangen, und die Scheibe zeigt ebenfalls deutliche Wasserspuren. Egal, ich lasse mir die Laune nicht verderben, sondern ziehe gegen halb neun frohgemut Richtung Restaurant, wo meine Tischgenossen bereits versammelt ist.
Später schlendere ich durchs Schiff, steige einmal aufs Oberdeck hinaus, das triefend nass und nur von ein paar unbeugsamen Rauchern bevölkert ist, so dass ich mich zügig wieder davon mache und schließlich in der gemütlichen Bibliothek lande, wo ich nach der um 10 Uhr lässig und zügig durchgeführten Seerettungsübung fast den ganzen restlichen Vormittag mit Lesen verbringe, während Rosita meine Kabine in einen tadellos sauberen Zustand versetzt.

Wien 8Kaum haben wir am Handelskai in Wien angelegt, reißt der Himmel auf. Ein kräftiger Wind vertreibt die graue Witterung und macht weißen Schäfchenwolken vor einem perfekten Himmelsblau Platz, danke, Petrus!
Meine ganz private Sightseeing-Tour starte ich nach kurzer U-Bahnfahrt am Karlsplatz. Hier haben sich vor etwas mehr als 100 Jahren „aufmüpfige“ Künstler zusammengetan und einmalige architektonische Kunstwerke geschaffen, von denen das Gebäude der „Secession“ das wohl spektakulärste ist. Vom „Naschmarkt“ aus an der Wienzeile entlang begeistern mich zahlreiche Jugendstilhäuser, die jetzt in der Mittagssonne perfekt in Szene gesetzt sind. Danach rausche ich mit der U-Bahn zum Stephansplatz, wo die Umgebung des Doms regelrecht vibriert von den zahlreichen Besuchergruppen aus allen Teilen dieser Erde, hauptsächlich den asiatischen. Die oberen, sandgestrahlten Teile des Stephandoms leuchten vor dem Blau des Himmels in der Sonne, während die unbehandelten Gebäudeteile noch düster sind. Hell glänzen auch die bunten, glasierten Dachziegel, allen voran, die mit dem Bild des österreichischen Doppeladlers.

Wien 30Auf dem „Graben“ pulsiert das Leben. Elegante Wienerinnen gesetzten Alters flanieren mit Einkaufstaschen bekannter Designer und weichen dabei gekonnt den schlitzäugigen, in Kompaniestärke auftretenden Besuchergruppen aus. Kichernde Teeniecliquen tippen auf ihren Smartphones herum, weniger Privilegierte wedeln an jeder Ecke mit einer Obdachlosenzeitung. Im „Meinl“ spürt man nichts davon, dass die Welt aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten besteht, - dort laden sich die „besseren Herrschaften“, also die gut Situierten, die Einkaufskörbe mit allerlei kostspieligen Leckereien voll. Ich selbst kann und will mir keine Marillenkonfitüre zu 7,99€ das 250g-Glas leisten, und auch keinen Holunder-Ingwer-Teesirup zu 5,49 € für 200ml, aber das Treiben zu beobachten ist in diesem Laden kostenlos, auch wenn man hin und wieder freundlichst mit „Gnädige Frau, kommen Sie zurecht, kann ich Ihnen behilflich sein?“ angesprochen wird.
Wien 33Am Ende meiner Tour drehe ich noch eine Runde im Dorotheum, wo gerade eine Gemäldeauktion eröffnet wird, die aber hinter verschlossenen Türen stattfindet. Zu gern wäre ich den gut gekleideten Kunden gefolgt, die zum Großteil nicht nur ihre Täfelchen, sondern auch Sonnenbrillen tragen. Ich streife durch die Stockwerke und bewundere all die schönen „Museumsstücke“, die man hier auch ohne zu steigern kaufen kann. Am Ende gönne ich mir noch eine Teepause im Café im 2.Stockwerk des Hauses, ehe ich den Rückweg zum Schiff antrete.

 

11.04.

Ich habe wieder hervorragend geschlafen und fühle mich total frisch beim Aufstehen. Der Blick aus dem Kabinenfenster verspricht einen schönen Tag: von Osten her,- in diese Richtung fahren wir ja -, strahlt das frühe Morgenlicht über die glitzernde Wasseroberfläche der leider eher braunen als blauen Donau. Als ich um ca. 8.15h im Restaurant eintreffe, sitzt meine Tischmannschaft bereits vor leer gegessenen Tellern. Schon verabschieden sich die Rheinländer, denn die haben sich für den Ausflug Esztergom angemeldet, der um 8.30Uhr beginnt. Mit dem Bus fährt man dabei die Strecke bis Budapest auf dem Landweg.
Budapest 55Auf dem Sonnendeck lasse ich mir frischen Wind um die Nase wehen. Die noch unbelaubten Wälder ziehen an uns vorbei und so manches kleine Dorf, das bereits zu Ungarn gehört. Der Verkehr auf dem Wasser nimmt zu, je mehr wir uns Budapest nähern. Dann rückt auch schon die Margareteninsel ins Blickfeld, das neugotische Parlament mit seinen 365 Türmchen taucht am linken Donauufer auf, ebenso die bekannte Kettenbrücke und der gesamte Burgberg rechter Hand. Schon vom Wasser aus ist die riesige Ausdehnung der Stadt zu erahnen. Erfreulicherweise liegt die Anlegestelle recht zentral, so dass es problemlos möglich ist, gleich nach dem Anlegen das Schiff für einen ersten Rundgang zu verlassen.

Abgesehen von sehr vielen Baustellen (Straßenbauarbeiten) offenbart die Stadt durchaus ihren morbiden Charme: Gründerzeit- und Jugendstilpaläste reihen sich aneinander, so gegensätzlich in ihrem Zustand von edelsaniert bis kurz vor dem Zusammenbruch, dass man wirklich nur staunen kann. Ich schlendere gemütlich die Vaci Vac, eine Fußgängerzone hinunter und beobachte amüsiert, wie sich Touristen von den zahlreichen Restaurantschleppern einwickeln lassen. Mich behelligt zum Glück keiner. Ob es daran liegt, dass ich alleine bin oder ob ich aufgrund meiner eher untouristischen Aufmachung nicht als potentielles „Opfer“ in Frage komme bleibt ein Rätsel. Mir soll es recht sein, denn so gelingt es mir wenigstens, störungsfrei bis zur zentralen Markthalle an der „Szabsag“-Brücke zu kommen. Die Brücke ist ein Jugendstiltraum, die Markthalle sieht von außen wie ein Bahnhof der K&K-Zeit aus. Auf dem Vorplatz tummeln sich Jugendliche auf Skateboards, Studenten mit MP3-Kabeln im Ohr, Mütter mit ihren Kindern, Omas mit vollen Einkaufstaschen, Opas am Stock, sie alle genießen die warme Sonne. Fast hätte ich darüber die Zeit vergessen! Ein Blick auf die Uhr lässt mich feststellen, dass es bald Zeit für die Stadtrundfahrt ist, zu der ich mich angemeldet hatte.

Budapest 77Clementina, unsere Stadtführerin begrüßt alle aufs Herzlichste und zählt anschließend ihre Küken im Bus durch. Clementina macht ihre Sache echt gut und versteht es auch perfekt, die Erläuterungen mit spannenden Details und humorvollen Anekdoten zu würzen, sodass man ihr gebannt und endlos zuhören möchte.
So vergeht der Nachmittag wie im Flug, alle Pflichtstopps, angefangen vom Gellertberg über das Burgenviertel auf der Budaer Seite bis zum Heldenplatz und dem Parlament auf der „Peschter“ (ja, so spricht man das aus!) Seite sind nach 3,5Stunden abgehakt und dann stecken wir erst mal im Feierabendverkehr fest. Der Busfahrer behält die Ruhe und den Überblick trotz chaotischen, durch die unendlich zahlreichen Baustellen extrem erschwerten Verkehrsverhältnisse und will, als er uns schließlich wohlbehalten am Schiffskai abliefert noch nicht mal ein Trinkgeld annehmen. Ist das zu fassen?

Nach dem Abendessen leert sich das Schiff rasch, denn die meisten Gäste sind zur abendlichen „Lichterfahrt“ aufgebrochen. Die Stufen am Kai sind bevölkert von jungen Leuten, die Luft ist sommerlich mild, überall sind die Lichter aufgeflammt, die historischen Gebäude und die Brücken sind perfekt illuminiert, das Donauwasser glänzt wie flüssiges Gold. Mich hält es daher nicht auf dem Schiff, ich ziehe mit Kamera und Stativ los und wandere auf dem zunächst sehr schmalen Band zwischen Kaimauer und Fahrstraße unter der Elisabethbrücke durch Richtung Parlament. Man muss höllisch aufpassen, denn der Pfad ist nicht beleuchtet und geht schon bald in unebenes, teils löchriges Kopfsteinpflaster über, ehe er am Roosevelt Platz in einen kleinen Park mündet, der vom Verkehr umtost wird. Ich strebe auf die Kettenbrücke zu, die mit Tausenden von Glühlampen wunderschön beleuchtet ist. Hier sind mehr Menschen unterwegs, die den lauen Abend, der schon richtig nach Sommer „riecht“, genießen und gemächlich auf der Brücke spazieren.

 

12.04.

Budapest 107Ich habe heute keine „Termine“, also auch keine Eile mit dem Frühstück, das es täglich bis 9.30h im Restaurant gibt. Slatka aus der Slowakei und Ratko aus Rumänien, die beiden Service-Engel in unserem Bereich, schweben ständig mit der Kaffeekanne heran, sie wissen längst, dass ich diesen Schub morgens brauche, und bedienen mich wie immer mit einem Lächeln auf den Lippen und ein paar freundlichen Worten. Überhaupt ist das komplette Schiffspersonal, vom Kapitän mal abgesehen, der ja meist auf seiner Kommandobrücke hocken muss, sehr freundlich und zuvorkommend, und zwar auf eine sehr herzliche, ehrliche Art und nicht einfach nur „professionell“.

Budapest 111Petrus meint es wieder gut mit uns heute, die Sonnenbrille ist unerlässlich auf meinem Weg zur zentralen Markthalle. Heute will ich mir mal das Innenleben dieses Gebäudekomplexes anschauen, das so an einen Bahnhof erinnert. Hinter den Schwingtüren tauche ich in eine lebenspralle, knallbunte Basarwelt ein, die mich sofort an Istanbul erinnert, nur mit dem Unterschied, dass man hier nicht dauernd angesprochen wird. Die gigantische Halle, eine architektonische Konstruktion aus Backstein und Eisen im Stil des ausgehenden 19.Jh. beherbergt unzählige in sich geschlossene Verkaufsstände bzw. -buden, die quasi Indoor-Straßen bilden, auf denen die Käufer flanieren. Im Untergeschoß sind die Lebensmittelstände, ein Großteil davon verkauft Fleisch und Wurstwaren. Die berühmte Salami aus Schweinefleisch, gewürzt mit Paprika und luftgetrocknet oder geräuchert, ist unübersehbar der Verkaufsschlager für die Touristen, aber auch für die Einheimischen, die hier auch ihren sonstigen Lebensmittelbedarf decken. Ich bin neugierig und stelle mich bei einem Stand in der Schlange an. Ob ich probieren darf? Ja sicher, der junge Mann schneidet von mehreren Würsten kleine Rädchen ab und hält sie mir zum Kosten hin. Es ist eine Offenbarung! Die Würste sind unglaublich schmackhaft und haben den perfekten Härtegrad, manche sind dazu noch sehr würzig bis angenehm scharf. Ich zeige auf eine wie mir scheint, besonders lange getrocknete bzw. geräucherte Wurst, der junge Mann wiegt den Kopf. Ob ich die wirklich probieren will?, - die sei schon sehr scharf, gibt er mir zu verstehen, sein Kollege unterbricht den Redefluss mit einer älteren Kundin und äugt in meine Richtung. Na klar, will ich und denke beim Verkosten noch, der hat ja maßlos übertrieben. Eine Sekunde später breitet sich in meinem Mund- und Rachenraum eine Feuersbrunst aus, die mich nur noch husten lässt. Die Augen tränen plötzlich heftiger als bei einem Pollenangriff, sich steigernde Feuerexplosionen sind auch Richtung Schädeldecke unterwegs, so dass ich fürchte, bereits einer Ohnmacht nahe zu sein. Der Verkäufer lacht, sein Kollege lacht, die Umstehenden lachen und reden wild durcheinander, eine solcher Spaß scheint ihnen nicht alle Tage geboten zu werden.- Ich lache tränennass mit und nehme dann doch lieber die andere Wurst, die weniger scharfe…(Ich höre das Lachen des Verkäufers noch, als ich schon viele Meter weit vom Stand weg bin.)
Im Obergeschoß kann man an den Imbissständen nach Herzenslust den Hunger mit deftiger ungarischer Kost stillen. Obwohl noch längst nicht Mittagessenszeit ist, sind die Stände schon von Männern in derber Arbeitskleidung bevölkert. Auf deren Tellern türmen sich Berge von Pilaw, Gemüse, Schmalzgebackenem. Ein paar Meter weiter drängen sich Touristen an den Ständen mit Leder- und Stoffwaren. Insbesondere bestickte Tischwäsche wird feilgeboten, aber auch jede Menge Nippes aus Glas, Holz und Porzellan.

Budapest 153Mein Spaziergang führt mich durch stille Straßenzüge mit wunderschönen, teils arg heruntergekommenen Jugendstilhäusern. Zuletzt statte ich noch dem historischen Cafe Central einen Besuch ab. Als ich wieder aus der Tür trete, hat sich das Himmelsblau hinter dicken grauen Wolken versteckt, und schon fallen die ersten Tropfen. Ich nehme das als Signal, für eine Mittagspause zum Schiff zurück zu kehren und meine Erkundungstour am Nachmittag fortzusetzen.
Kaum verlasse ich um kurz nach 14Uhr das Schiff wieder, fängt es erneut an zu regnen. Ich spanne den Schirm auf und laufe die paar Meter bis zur Straßenbahnhaltestelle, wo die Linie Nr. 2 verkehrt, mit der ich bis zur Margaretenbrücke fahren will, um meinen Stadtspaziergang von dort zu beginnen. Leider erweist sich der Kauf einer Fahrkarte als unmöglich, wenn man in seinem Geldbeutel nur Euros hat. Schade, denn in jedem Geschäft und Restaurant oder Café nehmen sie unsere Währung, warum also nicht auch hier? Egal, dann gehe ich halt zu Fuß, schließlich gilt es auch, die beim Mittagessen eingenommenen Kalorien wieder abzuarbeiten. Also hangle ich mich auf dem kürzesten Weg durch Bauzäune und Verkehrsinseln und lande erst mal vor dem Greshem Hotel (5*-Luxus im fein renovierten Jugendstilpalast). Mein Plan, dort die erste Kaffeepause zu machen, schlägt leider fehl, denn der komplette Eingangsbereich ist abgesperrt und mit Sicherheitspersonal zugestellt, es wird wohl irgendein Promi erwartet. Vielleicht einer, der auch im Ferrari eintrifft, wie die beiden Slowaken, die eben anfahren, und denen umgehend vom devoten Portier der Wagenschlag geöffnet wird, noch ehe der röhrende Motor verstummt. Ich tue es den zahlreich anwesenden Fotografen gleich und schieße ein Bild nach dem anderen.

Auf Nebenstraßen nähere ich mich schließlich dem Parlamentsgebäude, das teilweise eingerüstet und bei diesem regengrauen Himmel leider kein schönes Fotomotiv ist. Hier im Quartier nimmt die Kameraüberwachungsdichte erheblich zu, das macht mich umso neugieriger, als ich eine große Menschenmenge unter den Arkaden eines repräsentativen Prachtbaus ausmache. Die sind nicht alle vor dem Regen geflohen, soviel sehe ich aus der Ferne schon. Beim Näherkommen erweist sich der Arkadengang als überdachter Markt, der von Menschen in Business- und feiner Kleidung, jedoch von so gut wie keinen Touristen bevölkert wird. Ich sehe es gleich: das hier ist kein alltäglicher Lebensmittelmarkt, sondern eher ein First-Class-Verpflegungsangebot, also ein Eldorado für Menschen mit gutem Geschmack. An allen Ständen darf man die Köstlichkeiten probieren, das Angebot reicht vom leckeren Käse aus Kuh-, Schaf- und Ziegenmilch über Speck, Wurst und Rauch-fleisch und feinen Backwaren bis hin zu edlen Weinen, Bränden und raffinierten Pasten z.B. mit Trüffeln. Natürlich nehmen sie hier gerne meine Euros, auch wenn sie das Rausgeld dann in Forint auszahlen. Ich komme mit dem Anbieter von eingelegten Gemüsen und Pilzen ins Gespräch und erfahre, dass dieser Markt hier immer freitags stattfindet und vor allem von den Mitgliedern des Parlaments und den Mitarbeitern der umliegenden Banken und Konzernen geschätzt wird. Alles was hier angeboten wird, muss aus der Region bzw. aus Ungarn sein, ausländische Produkte sind verboten, und das werde, sagt er, streng kontrolliert. Wie erfreulich, denke ich, und decke mich mal mit ein paar Gläschen seiner wunderbaren Pestos ein, - alle habe ich probieren müssen, und das waren nicht wenige.

Budapest 191Als ich einige Zeit später wieder aus den Arkaden trete, hat der Regen aufgehört und ich kann den Schirm wegpacken. Auf meinem weiteren Streifzug entdecke ich ein großartiges Juwel von einem (privaten) Jugendstilmuseum, das so unglaublich voll gestopft ist mit Möbeln, Bildern, Statuen, Geschirr und Gebrauchsgegenständen, dass es einem glatt den Atem verschlägt. Selbst der Vorraum der Toilette ist stilgerecht ausgestattet, aber der Clou am Ende des Rundgangs ist das Café, wo man sich dann in den entsprechenden Möbeln niederlassen und die Atmosphäre einer solchen Einrichtung von vor Hundert Jahren genießen darf. Der hausgemachte Kuchen ist total lecker und der perfekte Begleiter zum frisch gebrühten Kaffee aus dem dampfenden, zischenden italienischen Ungetüm hinter der Theke.

Ich muss allmählich auf die Uhr schauen, denn um spätestens 19Uhr sollte man wieder an Bord sein, weil das Schiff um 19.30Uhr ablegen wird. Ich durchquere das Bankenviertel und einen kleinen Park, in dem noch immer ein Monument mit dem goldenen Stern aus kommunistischer Zeit steht und gelange schließlich auf eine der Hauptachsen der Stadt, wo bereits beträchtlicher Verkehr herrscht, denn es geht auf Feierabend zu. Unweit der griechisch-orthodoxen Kirche sind auf einem kleinen Platz Buden aufgestellt, köstliche Essensdüfte haben trotz wechselhafter Witterung viele Menschen angelockt. Die aufgestellten Biertischgarnituren sind gut belegt, eine sehr junge, dreiköpfige Band spielt die aktuellen Popcharts rauf und runter. Ein kleines bißchen Zeit habe ich noch um mich zu setzen, und den jungen Leuten zuzuhören, bzw. die lockere Atmosphäre zu genießen, dann muss ich mich wieder in Bewegung setzen Richtung Hafenkai. Schade. Budapest, finde ich, ist mindestens noch einen weiteren Besuch wert.

 

13.04.

Bratislawa 19Ich will heute mal etwas länger schlafen, denn da das Schiff erst um die Mittagszeit rum Bratislawa erreichen wird, kann ich es ruhig angehen lassen. Denke ich. Aber Reiseleiter Alex sorgt pünktlich um 7.30Uhr mit einer Borddurchsage dafür, dass ich buchstäblich aus der Koje falle. Grrrh!!! Kann er sich nicht darauf beschränken, seine Informationen später durch den Kanal zu schicken? Egal, ich bin wach, an Schlaf ist nicht mehr zu denken, also trete den Weg ins Restaurant an. Radko tänzelt schon gleich mit der Kaffeekanne heran, eigentlich kann er gleich neben dem Tisch stehen bleiben, denn ich brauche heute mindestens drei Tassen! Wie jeden Morgen muss ich mich dann auch noch mit der Menüwahl für Mittag- und Abendessen beschäftigen, doch Radko winkt ab: alles schon erledigt, alles schon bestellt! Wie bitte? Ich hebe den Blick, aha, alles klar, das breite Grinsen und sein Augenzwinkern verrät: er hat mich mal wieder drangekriegt!

Gegen Mittag, die Umgebung ist zunehmend hügeliger geworden, einzelne Ortschaften und Burgen ziehen vorbei, rücken allmählich die Vorstädte von Bratislawa mit großen Docks und Industrieanlagen ins Blickfeld.

Bratislawa 34Ich hatte mich nach einigem Überlegen doch für die organisierte Stadtrundfahrt entschlossen und finde mich daher pünktlich auf dem Hafenkai ein, wo uns der hiesige Guide in Empfang nimmt.  Sein Deutsch ist von der Sorte mit den vielen rollenden „R“s, der vereinfachten Grammatik durch Weglassen von Artikeln, und den ausgeprägten „ä“s statt „e“s im Stil von „Särrr verärrte Gäste, wirr machen jätzt Spaziergang durrch Fußgängerrzonä,  bittä blaiben Sie zusammen, damit niemand gäht värlorrän…!“ Das allein finde ich schon „rrächt untärrhaltsam“…
Die Besichtigung der Burg hätte man sich allerdings sparen können, denn hinein kommt man nicht (außer in den Burghof), und bis auf die Aussicht von oben auf die Stadt gibt es ansonsten nichts wirklich Sehenswertes.

Bratislawa 41Die Altstadt ist von einer hässlichen vierspurigen Straße zerschnitten, die geradewegs in eine Brücke mündet, an deren anderem Ende hohe Pfeiler ein UFO-ähnliches Gebilde tragen. Ein Restaurant sei das, erklärt der Guide, und besonders abends bei Sonnenuntergang empfehlenswert, da man von dort oben einen „härrlichen“ Blick auf die Altstadt habe. Gleich unterhalb der Stadtautobahn guckt der Turm der Martinskirche raus, wo ganze Generationen von Königen und Kaisern der jeweiligen Herrscherkaste gekrönt wurden, so trägt denn auch die Kirchturmspitze nicht einfach ein Kreuz, sondern die Nachbildung der Stephanskrone, Insignie der ungarischen Herrscher (Bratislawa gehörte nicht nur über Jahrhunderte zu Ungarn, sondern war zeitweise auch dessen Hauptstadt.) Nach der Krönung mussten die hohen Herrschaften sich dann dem Volke zeigen und durch die Stadt defilieren, der Weg ist heute durch im Pflaster eingelassene Messingkrönchen gekennzeichnet.

Drnstein 2Die recht überschaubare Altstadt wird, so erzählt unser Guide mit grimmiger Miene, besonders an Wochenenden von Sauftouristen heimgesucht, die mit Billigfliegern herüberjetten, um sich mal so richtig zudröhnen zu lassen. Ich verstehe seinen Groll: die günstigen Alkoholpreise (1,20EUR für eine Halbe Bier) sind zu verlockend für das Klientel aus hochpreisigen Ländern, die Auswirkungen bekommen wir hautnah mit, denn ganze Horden grölender Leute bevölkern die Fußgängerzone und die dort ansässigen Kneipen. Es scheint eine Art Volkssport zu sein, denn kaum jemand dreht sich nach den Radaubrüdern um. Mir hingegen fällt es schwer, dies einfach auszublenden und mindert meine Lust, mich hier länger als nötig aufzuhalten. Zwar finde ich nach dem Ende des offiziellen Teils der Stadtführung noch ein paar ruhigere Gassen, doch so richtig Laune macht mir das alles nicht. Also noch ein bisschen Sonne auf’s Gesicht auf einer Bank vor dem „Carlton“ sitzend, und dann zurück auf’s Schiff.

 

14.04.

Dürnstein 7Ich vermisse Alex’ morgendliche Durchsage und verpenne dadurch fast…erst um kurz vor 9 Uhr laufe ich im Restaurant auf, meine Tischgenossen haben natürlich längst gefrühstückt und sind sicher bereits oben auf dem Sonnendeck, denn in Kürze legen wir in Dürnstein an. In dem kleinen Nest wurde im 12Jh. Richard Löwenherz gefangen gesetzt und erst nach Zahlung eines enormen Lösegelds wieder frei gelassen. Tja die österreichische Gastfreundschaft…
Passau 19Ich mache mich erst um 10.15h auf den Weg von der Anlegestelle zum Dorf. Den schmalen Uferweg teilt man sich mit Radfahrern, die hier auf dem Donauradweg unterwegs sind (Strecke Passau – Wien: ca. 320km). In den Sommermonaten ist dieser immer stark frequentiert. Im Dörfchen selber lebt man wohl ausschließlich vom Tourismus, denn jedes Haus ist entweder ein Hotel, ein Restaurant, ein Laden für Marillenprodukte oder alles zusammen auf einmal. Keine Fünf Schritte kann man in den kopfsteingepflasterten Gassen gehen, ohne auf die Spezialitäten der Region aufmerksam gemacht zu werden: Neben dem berühmten Grünen Veltliner Wein Marillenmarmelade, Marillenlikör und –schnaps, Marillenseife, Marillensalz, geröstete Marillenkerne, schokolierte Marillenkerne, Marillentrüffel, mit Marillen bestickte Tischtücher und Servietten….
Der Pfad hinauf zur Burgruine ist etwas versteckt, aber ich finde ihn und genieße von oben einen herrlichen Ausblick auf das Dorf mit seinem barocken Chorherrenstift und der träge dahin fließenden Donau.

Passau 30Gemächlich pflügt die Vista Explorer durch die Fluten. Bis Passau fahren wir jetzt durch und legen daher leider nicht beim Barockkloster Melk an, das vorüberzieht, während ich in den heißen Kaffee blase und die letzten Tage Revue passieren lasse. Es war eine schöne, abwechslungsreiche Reise, die ich jedem nur empfehlen kann, der viel sehen, dabei aber nicht ständig den Standort der Unterbringung wechseln will. Egal, ob man sich selbst auf Entdeckungsreise an den Anlegestellen begibt oder sich von Reiseleitern an die Hand nehmen lässt, um die Umgebung zu erkunden,- in Kombination mit der wunderbar komfortablen Unterbringung und dem kulinarischen Verwöhnprogramm an Bord ist das eine perfekte Reiseart!